Zwischen Filterkaffee und Seelsorge: 15 Stunden am Tresen des Reviers

Ralf Müller kocht zuerst den Kaffee. Immer. Bevor er die Kasse aufmacht, bevor er den Warenbestand prüft, bevor er irgendetwas anderes tut. Es ist kurz nach sieben, draußen ist es noch kühl, und im Styrum Kiosk in Mülheim an der Ruhr breitet sich langsam der leicht penetrante Geruch von Filterkaffee aus. Aus dem Radio auf dem Tresen läuft 1LIVE, der Moderator wünscht einen sonnigen Start in den Tag. Ralf hört nicht hin. “Red Bull und Zigaretten gehen immer gut weg”, sagt er, während er die Regale abläuft und prüft, ob alles stimmt. An den Wänden hängen Poster vom lokalen Fußballverein neben bunten Tüchern aus Sri Lanka, denn die Eigentümerfamilie stammt von dort und wohnt direkt hinter dem Verkaufsraum. Ralf beschreibt seine Kundschaft als “echt Multikulti”, und das klingt bei ihm nicht einfach wie eine Floskel, sondern wie eine Beobachtung, die er täglich neu macht.

von Pia Rilinger und Paula Hellwich

23. August 2026

Journalistische und auftragsorientierte Texte

15 Stunden an jedem Wochentag arbeitet Ralf Müller in einem Kiosk in Mülheim-Styrum – und kann viel über die Seele des „Potts“ berichten (Fotoquelle: Pia Rilinger).

„Mental geht’s mir gut“

Ralf ist gelernter Elektriker, doch in diesem Beruf ist er nie wirklich angekommen. Vor 16 Jahren fing er als Aushilfe an, nachdem er selbst als Kunde oft auf ein Bierchen vorbeikam. Heute arbeitet er hier in Vollzeit, das bedeutet 15 Stunden am Tag, Montag bis Freitag. „Wenn es um Geld gehen würde, würd‘ ich das nicht machen“, sagt er, während er den Bestand der Zigaretten gründlich prüft. „Ich bin zwar körperlich kaputt, aber mental, da geht’s mir gut. Du musst da einfach Bock drauf haben“.

Noch während der erste Kaffee durchläuft, läutet die Glocke über der Eingangstür. Zwei Männer im Blaumann steuern zielstrebig auf den Tresen zu. „Moin Ralle, machste mir zwei Kaffee fertig?“, brummt der Ältere und kramt nach Kleingeld. Sein Kollege ergänzt: „Und noch ‘nen Red Bull, bitte!“. Die beiden berichten kurz von ihrer heutigen Baustelle, dann sind sie schon wieder draußen und steigen deutlich wacher in ihren Kleintransporter.  “Der Micha hat mit mir damals die Lehre gemacht, den kenn’ ich schon ewig”, sagt Ralf und schaut ihnen nach. In dem Viertel, in dem er aufgewachsen ist, begegnet ihm die Vergangenheit fast täglich.

Zigaretten, Spirituosen, bunte Tücher aus Sri Lanka der Eigentümerfamilie: So sieht der Kassenbereich im Kiosk von Ralf Müller aus (Fotoquelle: Pia Rilinger).

Der Beichtstuhl des Viertels

Pünktlich um neun Uhr klingelt erneut die Türglocke. Eine ältere Dame, zittrig auf den Beinen, betritt den Laden und zieht einen kleinen, zerzausten Yorkshire Terrier hinter sich her. Ralf legt bereits eine große Schachtel Winston auf den Tresen, bevor sie ihren Wunsch äußern kann. Sie legt einen zerknitterten 20-Euro-Schein hin, dann kommt, mit brüchiger Stimme: “Mein Mann ist vor kurzem verstorben.” Ralf nickt, hört zu. Stellt keine Rückfragen, sondern lässt sie reden. Erst als sie den Laden wieder verlassen hat, erklärt er leise:”Ich weiß, dass ihr Mann schon seit über zehn Jahren tot ist. Aber ich kann ja schlecht sagen: Das hast du mir gestern schon erzählt.” Er erzählt das ohne Mitleid, aber nicht mit Gleichgültigkeit. Es gehört einfach dazu.

Etwa 90 Prozent seiner Kunden sind Stammgäste. Für viele ist der Kiosk der Ersatz für die alte Stammkneipe an der Ecke. „Es ist so, dass jeder irgendwie seine Last bei mir abladen kann, wie beim Friseur“, sagt Ralf. Er nimmt sich diese Zeit bewusst, auch wenn sich am Schalter eine Schlange bildet. „Dann müssen andere halt mal warten. Das ist nicht das Geld, was ich verdiene.“ Er glaubt, dass das mit der Mentalität hier zu tun hat. „Allein wie wir hier sprechen, dat‘ is absolut Pott. Sowas findst du nich‘ irgendwo in Frankfurt am Hauptbahnhof.“ Es klingt wie ein Kompliment an das Viertel, an seine Heimat.

Gelegentlich entlädt sich der Frust der Kunden, etwa wenn diese Ralf wegen zwei Cent Differenz beleidigen. „Du kriegst von mir den Respekt, also will ich auch Respekt von dir“, ist seine klare Linie. Sein Prinzip bleibt trotzdem das ruhrpotttypische “Leben und leben lassen”. Wenn er ein Produkt nicht vorrätig hat, schickt er die Kunden auch mal zur Konkurrenz um die Ecke. „Wir kämpfen hier nicht um Millionen“, sagt er trocken.

Mehr als der Tresen

Gegen Mittag mischt sich der Kaffeegeruch mit den Gewürzen aus der Küche der Eigentümerfamilie nebenan. Ralf druckt gerade ein Dokument für einen jungen Kunden aus, der keinen Drucker hat. Seinem Chef gefällt das nicht. Ralf zuckt mit den Schultern: „Er versteht nicht, dass auch der Mensch hier zugehört“. Es gibt Kunden, die jahrelang jeden Tag kamen und dann plötzlich wegbleiben. Manchmal erfährt Ralf später, dass sie gestorben sind. „Gerade bei älteren Leuten machst du dir natürlich immer einen Kopf“, gibt er zu. „Von meinen Stammkunden würde ich jeden einzelnen vermissen“.

Durch die freien Stellen am Fenster ist der Himmel längst dunkel geworden. Um halb zehn wischt Ralf den Tresen ab und schaltet das Radio aus. Der Körper schmerzt nach 15 Stunden, aber das erwähnt er nur beiläufig. Auf die Frage, ob ihm der Kiosk am Wochenende fehlt, lacht er kurz auf: „Spätestens Sonntagabend vermiss’ ich den Laden wieder“.

Pia Rilinger und Paula Hellwich (Fotoquelle: privat).

Das Copyright der Bilder liegt bei den Autorinnen.