Sexismus im Stadion – Frauen zwischen Jubel und Belästigung
Kein Spiel: Die unsichtbaren Übergriffe im Stadion.
Sexismus im Stadion ist Alltag. Viele Frauen erleben Übergriffe, die kaum sichtbar sind. Zwei Perspektiven zeigen, wie groß das Problem ist und warum Lösungen schwierig bleiben.
von Anni Walter
01. März 2026
Journalistische und auftragsorientierte Texte
Heimat von Borussia Mönchengladbach. Der Borussia-Park gehört zu den zuschauerstärksten Stadien in Deutschland.
54.000 Zuschauer passen in den Borussia-Park in Mönchengladbach. An Heimspieltagen füllt sich das Stadion bis auf den letzten Platz. Borussia Mönchengladbach gehört seit Jahren zu den Vereinen mit den höchsten Zuschauerzahlen in Deutschland. Fahnen wehen, Trommeln schlagen und Gesänge hallen über die Tribünen. Für viele Fans ist es pures Glück, Teil dieser Masse zu sein. Auch für Leoni Walter. Die 22-Jährige steht regelmäßig im Block 16, der Stimmungsblock der berüchtigten Gladbacher Nordkurve. Hier stehen die Ultras. Es herrscht dichtes Gedränge. Hier wird Fußball mit voller Leidenschaft gelebt.
Leoni Walter besucht regelmäßig Spiele in der Gladbacher Nordkurve und erlebt dort auch Anfeindungen.
Doch mitten im Jubel kann Freude schnell in Angst umschlagen. „Einmal beim Torjubel hat ein Mann hinter mir seine Hände unter meine Arme geschoben und an meine Brust gefasst“, erzählt Leoni. „Ich war so geschockt, dass ich nichts gesagt habe. Erst später wurde mir klar: Das war kein Versehen.“
Leoni ist kein Einzelfall. Frauen im Stadion sind längst keine Seltenheit mehr, Schätzungen zufolge ist rund ein Drittel der Besucher weiblich. Doch wer im Block steht, erlebt neben Atmosphäre und Leidenschaft auch eine Schattenseite des Fußballs: Sexismus, Belästigungen, Sprüche, Blicke und manchmal körperliche Übergriffe.
Der Borussia-Park bietet Platz für über 54.000 Fans, rund 16.000 davon in der Nordkurve.
Erfahrungen einer jungen Frau im Stadion
Leoni Walter ist seit der Corona-Pandemie Fußballfan. „Ich glaube mein erstes Spiel war während Corona, als die Stadien langsam wieder geöffnet wurden“, erinnert sie sich. „Seitdem bin ich eigentlich immer da – jedes Heimspiel, fast jedes Auswärtsspiel“. Ihre Leidenschaft ist groß: Egal ob es Fahrten zum Erzrivalen nach Köln, nach Berlin oder nach München sind. „Ich finde es cool, andere Stadien zu sehen. Auch wenn man die Städte selbst meistens nicht wirklich erlebt“, sie lacht. „Das Stadion und die Stimmung sind es wert. In Frankfurt war es zum Beispiel richtig beeindruckend, da war das Stadion voll und die Fans haben ohne Pause gesungen. Leipzig hingegen war eher enttäuschend, da fehlt die Tradition und damit auch die Fans.“
Die Nordkurve gilt als Herzstück der Gladbacher Fankultur und ist zugleich Schauplatz von Konflikten.
Der Borussia-Park ist ihr zweites Zuhause geworden. 16.000 Menschen passen allein in die Nordkurve, die Stehplatztribüne, auf der Leoni ihre Spiele erlebt. „Ich stehe im Block 16, das ist der Hauptblock. Da sind die meisten Ultra-Gruppierungen. Man ist mittendrin“. Genau hier aber hat sie mehrfach erlebt, wie schnell die Grenze zwischen Gemeinschaft und Übergriff verschwimmt.
„Es passiert fast bei jedem Spiel etwas“
Leoni erzählt von einem Heimspiel, bei dem Gladbach ein Tor schoss und ihr der Mann an die Brust fasste. Es sind Momente wie diese, die sich tief einprägen. „Ich glaube bei jedem Spiel gibt es Situationen, die nicht sein müssen“, sagt sie. Ein anderes Mal stand sie mit ihrer Schwester und deren Freundinnen im Block, als ein älterer Mann in der Nähe laut rief: „Wer hat denn die Muschis eingeladen?“ Leoni kennt den Mann, sieht ihn öfters im Stadion. Er provoziert und pöbelt Leute in seinem Umfeld gerne lautstark an.
Was tun in solchen Situationen? „Gar nichts“, sagt Leoni und wirkt dabei selbstkritisch. „Ich habe nichts gesagt. Bei dem Übergriff dachte ich erst, es sei ein Versehen. Erst später habe ich verstanden, dass es keins war. Aber da war das Spiel schon vorbei“. Auch in anderen Situationen schwieg sie. „Mir ist es unangenehm, etwas zu sagen. Ich kenne manche von denen, die stehen dort seit vielen Jahren. Und man weiß nie, wie die Gruppe reagiert. Wenn man Pech hat, wird es noch schlimmer.“ Reaktionen von außen bleiben dabei meistens aus. „Vielleicht haben andere es gehört oder gesehen, aber es sagt niemand etwas“, sagt die 22-Jährige.
Keine Hilfe in Sicht?
Leoni hat keinen der Vorfälle gemeldet. „Ich wüsste gar nicht, an wen ich mich wenden soll. Ich habe gesehen, dass es bei anderen Vereinen Codewörter gibt, die man beim Ordnungsdienst sagen kann. Aber hier gibt es so etwas nicht.“ Tatsächlich lässt sich ein solches Codewort im Gladbacher Stadion nicht finden. Allerdings gibt es die Möglichkeit über ein Online-Formular solche Vorfälle zu melden. Darauf wird allerdings kaum aufmerksam gemacht.
Ein Aufkleber im Stadionumfeld setzt sichtbare Zeichen gegen Diskriminierung und Sexismus.
Ein positives Beispiel ist Schalke, wo Betroffene das Codewort „Ellie“ benutzen können, um sich Hilfe zu holen. Doch ob sie selbst so etwas nutzen würde? Leoni ist skeptisch. „Ich weiß nicht, ob ich das nutzen würde. Wahrscheinlich würden sich viele darüber lustig machen.“
Leoni erzählt auch von Momenten, in denen es noch drastischer wurde. „Einmal in Dortmund ist vor dem Spiel direkt neben mir eine Schlägerei losgegangen“, erinnert sie sich. Fäuste flogen, Menschen wurden zu Boden gestoßen, und plötzlich stand sie mittendrin. Solche Szenen machen deutlich, dass Bedrohungen im und ums Stadion nicht nur verbal oder sexuell sind, sondern oft auch handfest.
Besonders auffällig ist für sie der Unterschied zu anderen Freizeitorten. „Im Club oder auf Partys gibt es auch manchmal Belästigungen. Aber im Stadion passiert es viel öfter. Vielleicht, weil es so viele Männer auf engem Raum sind, viele betrunken und die Gruppendynamik kommt dann auch noch dazu.“
Trotz all dieser Erfahrungen will Leoni nicht auf ihre Stadionbesuche verzichten. „Klar fühlt man sich als Frau etwas unwohl, wenn man in der Kurve steht. Immerhin gibt es eine freie Platzwahl, aber man fühlt sich nie richtig willkommen – als Frau zwischen Männern.
Das ist der Widerspruch, mit dem viele Frauen leben. Sie wollen Teil der Fankultur sein und müssen gleichzeitig damit rechnen, dass Jubel, Nähe und Enge auch zur Gefahr werden können.
Die Sicht der Fanbeauftragten
Die Erlebnisse der 22-Jährigen sind keine Ausnahme. Sie stehen beispielhaft für Erfahrungen, die Frauen in vielen Stadien machen. Sexistische Sprüche, anonyme Übergriffe im Gedränge, das Gefühl, nicht willkommen zu sein. Diese Erfahrungen sind nicht nur auf Mönchengladbach beschränkt. Auch in anderen Vereinen wird seit Jahren darüber diskutiert, wie Frauen besser geschützt werden können. Die neu entstandene Fanfreundschaft zwischen Borussia Mönchengladbach und dem FC Schalke 04 zeigt, wie eng Fanszenen verbunden sind und dass Probleme, die in Gladbach auftreten, auch in Gelsenkirchen präsent sind.
Blick auf das Schalker Trainingsgelände: Die Veltins-Arena im Hintergrund bietet Platz für mehr als 60.000 Zuschauer.
Schalke 04 ist ein Verein mit riesiger Strahlkraft. Über 60.000 Menschen strömen zu Heimspielen in die Veltins-Arena. Damit gehören die Königsblauen seit Jahren zu den zuschauerstärksten Vereinen in Europa. Und dass, obwohl Schalke nur in der 2. Liga spielt. Zum Vergleich: In Gladbach liegt der Schnitt bei gut 51.000 Besuchern pro Spiel. Zahlen wie diese, verdeutlichen, wie groß die Dimensionen sind, in denen Vereine agieren. Sie zeigen aber auch, wie schwer es ist, in einer solchen Masse Strukturen zu schaffen, die Betroffenen wirklich helfen.
Lisa Limberg ist die erste Frau im Team der Schalker Fanbeauftragten. Seit zwölf Jahren arbeitet sie für den Verein.
Zwischen Polizei, Fans und Verein
Eine, die es wissen muss, ist Lisa Limberg, die erste Frau im Team der Fanbeauftragten auf Schalke. Sie arbeitet seit zwölf Jahren im Verein, seit anderthalb Jahren hat sie die Rolle der Fanbeauftragten übernommen. Diese Position ist keine zufällige Erfindung, sondern eine Folge von Entwicklungen im deutschen Fußball. In den 1990er-Jahren verpflichtete der Deutsche Fußball Bund, kurz DFB, erstmals alle Vereine der ersten und zweiten Liga, offizielle Fanbeauftragte zu benennen. Ziel war es, die Kommunikation zwischen Vereinen, Behörden und Anhängern zu verbessern und Eskalationen im Stadionumfeld vorzubeugen. 2002 gründete sich die Arbeitsgemeinschaft Fanbeauftragter Vereine (AGF) im Ligaverband, heute gibt es einen bundesweiten Zusammenschluss, der Standards setzt und Austausch organisiert. Limberg ist dort ebenfalls vernetzt. „Wir treffen uns regelmäßig, tauschen Erfahrungen aus, lernen voneinander. Jede Kurve ist anders, aber viele Probleme sind gleich“, sagt sie. „Wir sind das Bindeglied zwischen Fans, Verein, Polizei, Behörden und den Gastvereinen“. Ihr Arbeitstag beginnt früh. Bei Auswärtsspielen reist sie oft schon am Vormittag an, trifft sich mit den Fanbeauftragten der Gastgeber, nimmt an Sicherheitsbesprechungen teil, spricht mit Polizei und Ordnungsdienst. Dann wird entschieden, wie die Gästefans ins Stadion kommen, wo mögliche Engpässe entstehen könnten und wie die Sicherheitskräfte reagieren sollen.
„Es ist eigentlich ein ständiger Spagat“, beschreibt Limberg. „Man will an den Fans sein, gleichzeitig muss man aber die Vereinsinteressen vertreten und mit den Behörden zusammenarbeiten.“ Gerade bei Spielen mit hoher Brisanz sei das eine Herausforderung. „Es gibt Tage, da rennt man nur von A nach B. Ein Telefon klingelt, parallel läuft eine Choreo-Kontrolle, und dann kommt eine Meldung, dass eine Frau belästigt wurde. Das hat natürlich dann oberste Priorität.“
Wenn Hilfe gebraucht wird
Besonders deutlich wird der Alltag, wenn es zu Vorfällen kommt. „Wir hatten mal ein Spiel in Hamburg, da hat sich eine Frau vom Ordner belästigt gefühlt. Da musste ich sofort runter, während eigentlich eine Sitzung mit den Behörden lief.“ In solchen Momenten zeigt sich, wie wichtig klare Strukturen sind.
Was in Gladbach fehlt, ist auf Schalke seit einigen Jahren Standard. Es gibt feste Anlaufstellen im Stadion, Aufkleber mit Kontaktdaten auf jeder Toilette, Broschüren für Catering und Ordnungsdienste und ein festgelegtes Codewort, mit dem Betroffene Hilfe anfordern können. „Die Leute können auf jeden Ordnungsdienst zugehen und das Codewort nennen. Dann wissen alle Bescheid und es kann direkt gehandelt werden“, erklärt Limberg.
Die Arbeit am Laptop gehört genauso zum Alltag einer Fanbeauftragten wie der direkte Kontakt zu den Fans im Stadion.
Doch sie räumt auch ein, dass die Umsetzung nicht immer funktioniert. „Viele Sicherheitskräfte arbeiten für Subunternehmen. Da ist die Fluktuation riesig, mal sind es erfahrene Leute, mal welche, die zum ersten Mal in der Arena stehen. Da kannst du nicht erwarten, dass jeder sofort perfekt reagiert.“
Im Idealfall läuft es so: Eine betroffene Frau spricht jemanden an, wird von Fanbeauftragten oder Ordnern gesichert und dann zu einer ruhigen Stelle gebracht. Dort wird entschieden, wie es weitergeht. Will die Frau Anzeige erstatten? Soll die Polizei hinzugezogen werden? Oder braucht sie nur Abstand? „Die Polizei ist immer im Stadion und achtet darauf, wenn möglich weibliche Beamtinnen einzusetzen“, sagt die 38-Jährige. “Wir prüfen Videoaufnahmen und können im besten Fall den Täter identifizieren. Manchmal kommt es zu Stadionverboten, manchmal bleibt es bei einem Platzverweis. Aber ob Anzeige erstattet wird, liegt allein bei der Betroffenen.“
30 dokumentierte Fälle und eine hohe Dunkelziffer
In der vergangenen Saison wurden auf Schalke rund 30 Fälle dokumentiert. Eine Zahl, die auf den ersten Blick gering wirkt, bei über 60.000 Besuchern pro Spiel. Aber Limberg betont: „Die Dunkelziffer ist um ein Vielfaches höher“. Nicht jeder Vorfall wird gemeldet. Viele Frauen schweigen aus Scham oder Unsicherheit – wie das Beispiel von Leoni in Gladbach zeigt: Die meisten Übergriffe bleiben unsichtbar.
Manche Erlebnisse haben Limberg besonders geprägt. Sie erzählt von einer Transfrau, die früher Teil der aktiven Fanszene auf Schalke war. „Sie war voll integriert, hatte Freunde, war ein fester Bestandteil der Szene. Als sie sich dann geoutet hat, wurde sie von den eigenen Leuten ausgeschlossen. Die Ansage war klar: Entweder du bist wieder ein Mann, oder du bist raus.“ Für die Betroffene sei das verheerend gewesen. „Sie ist sogar nach Gelsenkirchen gezogen, um näher an der Szene zu sein. Und plötzlich ist dann alles weg. Dein Freundeskreis, dein Bezugspunkt, deine Sicherheit. Für sie war das ein tiefer Einschnitt.“
Limberg erzählt diese Geschichte mit sichtbarer Betroffenheit. „Das hat mir noch einmal gezeigt, dass wir zwar gerne behaupten, unsere Fanszene sei tolerant und weltoffen, aber wenn es konkret wird, sind viele doch nicht so offen, wie man denkt.“ Für sie selbst sei das ein Schlüsselerlebnis gewesen, das ihr bewusst gemacht hat, wie hart Ausgrenzung im Fußball sein kann.
Ihre Position als Frau im Team hat Limberg selbst geprägt. „Am Anfang wurde ich oft nicht ernstgenommen. Wir standen im Trainingslager, vier Männer und ich, und jemand fragte: Brauchen wir wirklich eine Frau auf dieser Position?“, erinnert sie sich. Inzwischen hat sie sich etabliert, doch Vorurteile begegnen ihr immer wieder. „Es gibt Leute, die dich nicht nach deiner Arbeit bewerten, sondern nach deinem Geschlecht.“ Sie sieht aber auch Fortschritte. „Es gibt inzwischen mehr Frauen, die sich im Fußball engagieren, sei es in Fanprojekten, im Verein oder als Fanbeauftragte. Und auch bei den Fans schließen sich immer mehr Frauen zusammen.“
Ein Blick in die Zukunft
Was müsste sich ändern, damit Frauen im Stadion sicher sind? Limberg bleibt realistisch. „Wir können Prävention machen, wir können Anlaufstellen schaffen, wir können sensibilisieren. Aber wenn sich in der Gesellschaft nichts verändert, bleibt es ein Tropfen auf den heißen Stein.“ Sie betont, dass Fußball gesellschaftliche Probleme nicht alleine lösen kann. „Man überschätzt manchmal die Rolle des Fußballs. Klar, er hat eine große Reichweite. Aber solange in der Gesellschaft Sexismus normalisiert ist, wird es ihn auch im Stadion geben.“
Trotz der Schwierigkeiten versucht sie, Strukturen aufzubauen, die Frauen zu unterstützten. Netzwerke wie das Treffen der „Schalker Mädels“ könnten den Stadionbesuch sicherer machen. So plant Schalke zudem einen separaten Eingang nur für Frauen, auch um Daten über den tatsächlichen Frauenanteil zu erheben. „Offiziell liegt der etwa bei 20 Prozent der Mitglieder, aber wir glauben, dass es im Stadion etwas mehr sind. Trotzdem bleibt das Verhältnis klar: Fußball ist immer noch männlich dominiert“. Auch die wachsende Zahl an dokumentierten Vorfällen sei ein Schritt nach vorn. „Früher gab es gar keine Zahlen. Jetzt können wir überhaupt erst sichtbar machen, wie groß das Problem ist.“
Aufkleber an der Gladbacher Nordkurve: Ultras prägen seit Jahrzehnten die Kultur im Block, meist von Männern dominiert.
Alkohol, Gruppendruck, Enge im Block
Aber warum häufen sich Belästigungen gerade im Stadion? Beide Frauen nennen ähnliche Gründe. Zum einen ist da der Alkoholkonsum. Mit Ausnahme von Hochrisiko-Spielen wird in allen deutschen Stadien Bier ausgeschenkt. Nicht selten haben Fans schon Stunden vor Anpfiff etliche Becher intus. Hinzu kommt der Gruppendruck. In der Kurve zählt die Zugehörigkeit. Wer sich profilieren will, macht schnell einen Spruch auf Kosten anderer. „Bei dem älteren Fan, der uns ‚Muschis‘ nannte, hatte ich den Eindruck, er wollte vor seinen Kumpels cool wirken“, erinnert sich Leoni. Auch Limberg bestätigt: „In Gruppen verstärken sich Dynamiken. Was Einzelne nicht sagen würden, wird in der Masse plötzlich normal“.
Die räumliche Enge verstärkt die Situation. Sowohl in der Nordkurve von Gladbach als auch in der auf Schalke, drängen sich tausende Fans auf engem Raum. Körperkontakt ist unvermeidlich, doch wird er auch ausgenutzt. Genau das macht Belästigungen schwer greifbar: Sie verschwinden im Lärm und Gedränge.
Frauen im Stadion: Eine Minderheit
Statistiken zeigen, dass Frauen im Fußball längst keine Randerscheinung mehr sind, und doch sind sie in den Blöcken klar unterrepräsentiert. Circa 38 Prozent der Stadionbesucher sind weiblich und die Zahl steigt immer weiter an. Die Realität in den Fankurven sieht jedoch anders aus: Dort dominieren zu 100 Prozent junge Männer. Leoni erzählt, dass sie oft eine von wenigen Frauen im Block ist. Ein Grund für die anhaltende männliche Dominanz liegt in der Ultrakultur selbst. Entstanden in den 1980er- und 1990er- Jahren, war sie von Beginn an ein Raum, in dem männliche Härte, Lautstärke und Präsenz im Vordergrund standen. Wer sich beweisen will, tut das mit Pyrotechnik, mit Gesängen, mit körperlicher Stärke. Rollenbilder, die für Frauen schwer zugänglich sind. Wer den Normen nicht entspricht, riskiert Ausgrenzungen, wie die Transfrau, die aus der Schalker Szene gedrängt wurde. Ultras sind damit nicht nur männlich dominiert, sie verteidigen ihre Männlichkeitsbilder aktiv. Ist eine Frau Teil der Gruppierung, verliert diese nach Außen an Macht und wird von anderen Szenen oft nicht mehr ernstgenommen.
Für Frauen bedeutet das: Der Zugang ist zwar nicht verboten, aber er bleibt eingeschränkt.
Limberg berichtet, dass gerade ältere Fans oder Frauen außerhalb der aktiven Szene sich unwohl fühlen. Zwei ältere Schalker Dauerkarteninhaberinnen, die offen gegen rassistische Beleidigungen protestieren, wurden seitdem regelmäßig als „Schlampen“ beschimpft. Die Diskrepanz ist offensichtlich: Frauen sind im Stadion längst sichtbar, aber die Kultur ist weiterhin männlich geprägt.
Vereine wie Schalke haben begonnen, Strukturen aufzubauen: Anlaufstellen, Codewörter, Awareness-Maßnahmen. In Hamburg wurde der Ordner, der sich übergriffig verhalten hatte, sofort aus dem Dienst genommen. Auf Schalke erhielten Täter Stadionverbote. Solche Fälle zeigen, dass Vereine handlungsfähig sind.
Doch das System hat Schwächen. Die Unstetigkeit im Sicherheitspersonal führt dazu, dass nicht jeder die Regeln kennt. Viele Fans wissen selbst nicht, dass es Anlaufstellen gibt. Und selbst wenn: Die Angst, ausgelacht oder nicht ernst genommen zu werden, hält viele Betroffene davon ab, Hilfe zu suchen. „Ich glaube, viele würden sich nicht trauen, ein Codewort zu benutzen“, sagt Leoni.
Zudem ist Prävention aufwändig. Limberg berichtet, dass sie regelmäßig Aufkleber und Plakate nachhängen lassen muss, weil sie abgerissen oder überklebt werden. „Manchmal habe ich das Gefühl, wir rennen nur hinterher“.
Gesellschaftlicher Spiegel
Immer mehr Frauen organisieren sich, gründen Netzwerke und vernetzten sich bei Treffen. Sie schaffen Räume, in denen Erfahrungen geteilt werden können und Solidarität entsteht. Auch die wachsende Zahl an dokumentierten Vorfällen ist ein Fortschritt: Zum ersten Mal lassen sich Zahlen benennen, Muster erkennen, Maßnahmen ableiten.
Ein Beispiel, was auch Hoffnung macht, gibt es in England. Dort wurden in den letzten Jahren die „Her Game Too“-Programme entwickelt. Diese setzten gezielt auf Prävention gegen sexuelle Belästigung im Stadion. Auch in Deutschland entstehen erste Initiativen, wie das Netzwerk „Fußball kann mehr“, das sich für Gleichberechtigung im Profifußball einsetzt und dabei auch die Fanszene im Blick hat. Vereine wie Borussia Dortmund oder St. Pauli haben zudem eigene Awareness-Teams eingeführt, die während der Spiele sichtbar und ansprechbar sind. Darüber hinaus wächst der Druck nach außen. Immer mehr Frauen melden ihre Erfahrungen öffentlich, sei es über Social Media oder Kampagnen wie #KickOutSexism. Dadurch werden Vorfälle sichtbar, die lange unsichtbar blieben. Für Betroffene kann das ein Signal sein: Ihr seid nicht allein, und euer Schweigen ist nicht mehr die einzige Option.
Als Frau im Männerblock: Für viele bleibt der Stadionbesuch ein Widerspruch zwischen Leidenschaft und Unsicherheit.
Dennoch bleibt der Eindruck vieler Frauen: Es hat sich wenig verändert. „Fast gar nichts“, sagt Limberg. „Wenn ich Frauen in Workshops zuhöre, sind die Geschichten heute die gleichen wie vor Jahren.“ Auch Leoni bestätigt: „Es passiert fast bei jedem Spiel etwas, das nicht sein müsste.“
Was kann der Fußball leisten? Die Erwartungen sind groß, doch bleibt Limberg zurückhaltend. Die große Bühne des Fußballs macht Probleme sichtbar, die weit über 90 Minuten hinausreichen. Und doch hat der Fußball auch eine Vorbildfunktion. Vereine, die klare Zeichen setzen, können Diskurse anstoßen. Plakate, Kampagnen, Anlaufstellen – all das zeigt Betroffenen, dass sie nicht allein sind. Entscheidend ist, ob diese Maßnahmen nicht nur Symbolik bleiben, sondern wirklich wirken.
Leoni Walter und Lisa Limberg stehen damit stellvertretend für zwei Entwicklungen: Auf der einen Seite die persönliche Leidenschaft einer jungen Frau, die trotz negativer Erfahrungen nicht auf die Fankultur verzichten will. Auf der anderen Seite das institutionelle Bemühen eines Vereins, Strukturen zu schaffen, die Frauen schützen. Beides zeigt, dass Fußball zwar nicht alle gesellschaftlichen Probleme lösen kann – dass er aber sehr wohl ein Ort sein kann, an dem Veränderung beginnt. Gelingt es, hier nachhaltige Veränderungen anzustoßen, könnte der Fußball auch außerhalb des Stadions ein Vorbild werden. Denn nur wenn sich die Kultur in den Kurven wandelt, kann der Sport wirklich für alle ein sicherer Ort sein.
Das Copyright der Bilder liegt bei der Autorin.