Aus dem Nichts zum eigenen Namen

Drei Wege in die Selbstständigkeit. Eine Geschichte von Mut, Ausdauer und Wandel.

von Adelina Zabeli 

29. März 2026

Journalistische und auftragsorientierte Texte

Gjevdet P. Bei der Arbeit auf einer Baustelle in Nordrhein-Westfalen. Auch nach Jahrzehnten im Baugewerbe packt er noch selbst mit an.

Es ist ein frostiger Morgen im Winter 1993, als ein Zug aus Richtung Süden in Berlin einfährt. Aus einer der Waggontüren steigt ein junger Mann, gerade einmal siebzehn Jahre alt, eine Plastiktüte in der Hand, in der Tasche ungefähr 200 Mark. Mehr hat er nicht dabei. Der junge Mann heißt Gjevdet P. Und er weiß in diesem Moment nicht, wohin er gehen soll, wen er fragen kann oder wie sein Leben in diesem Land weitergeht. Er ist allein. „Es war ziemlich schwer ohne Familie, ohne jemanden, der mich auffängt. Ich wusste nicht, wo ich hingehen soll, was ich machen soll. Ich kam aus einem Ort, der kurz vor dem Krieg stand und hatte dort schon wenig. Hier hatte ich dann gar nichts“, erinnert er sich. Sein Entschluss, Deutschland nicht nur als Durchgangsstation zu sehen, fällt eigentlich erst Jahre später. Als er 1993 ankommt, denkt er, dass es ein Provisorium sei, ein paar Monate, vielleicht ein Jahr, bis sich die Lage in seiner Heimat beruhigt. Doch während er in Deutschland versucht Fuß zu fassen, spitzt sich die Situation im Kosovo weiter zu. Serbische Polizei an der Macht, Unterdrückung, Schläge für Kleinigkeiten. „Man wurde schon verprügelt, wenn man Geld in D-Mark statt in Jugoslawischem Dinar in der Tasche hatte“, erzählt er. Die Gewalt, die Ungewissheit, die Angst – all das hat er im Gepäck, als er aus dem Zug steigt.

Die ersten Monate sind ein Überleben im Zwischenraum. Unterkünfte, Anträge, Behörden, für einen Jugendlichen, der kaum Deutsch spricht, bedeutet das ein täglicher Kampf. Jeder Tag brachte neue Unsicherheiten, angefangen bei der Sprache bis hin zu den bürokratischen Hürden, die für einen Jugendlichen kaum zu durchschauen waren. Vieles lernt er nur durch große Fehler, wie er selbst sagt. Zudem bekam er auch immer wieder Hilfe von Menschen, die ihn auf seinen Weg begleiteten. Eine Arbeitserlaubnis hat er zunächst nicht. Erst nach zwei bis drei Jahren darf er offiziell arbeiten. Er lebt zu dem Zeitpunkt immer noch in Berlin. Bis dahin lebt er von staatlicher Hilfe, die er, wie er sagt, dankbar annimmt. „Allein das war für mich schon eine Erleichterung, Geld zu bekommen, ohne Angst zu haben, von Polizisten geschlagen zu werden, wie es in der Heimat üblich war.“ Als er endlich eine Arbeitserlaubnis erhält, ist für ihn klar: Er muss sofort Geld verdienen. Eine Ausbildung zum Elektriker wäre möglich gewesen, aber sie hätte Zeit gekostet und Zeit hatte er nicht. Die Familie im Kosovo brauchte Unterstützung. Also entschied er sich für den Bau. Über einen Freund bekommt er einen Job als Eisenflechter. 3.000 Mark Brutto im Monat, für Ihn eine enorme Summe, auch wenn es Knochenarbeit bedeutete.

Von da an bestimmt der Rhythmus der Baustellen sein Leben. Früh raus, arbeiten bei unangenehmen Temperaturen, schweres Eisen biegen, tragen, verlegen und abends erschöpft nach Hause. „Es war körperlich brutal. Ich habe Phasen gehabt, da konnte ich wochenlang kaum laufen, weil mein Rücken blockiert war.“

Drei Mal in seinem Leben gab es solche Phasen, in denen er kaum arbeitsfähig war. Doch er stand wieder auf, immer wieder. Oft hatte er das Gefühl, dass die Tage ineinander verschwimmen: Arbeit, Schlaf, wieder Arbeit. Freizeit oder Erholung und reisen existierte praktisch nicht, weil jeder Gedanke und jeder verdiente Euro darum kreiste, wie er seine Familie im Kosovo unterstützen konnte.

Neben der harten Arbeit auf der Baustelle war für Gjevdet ein weiteres Thema entscheidend: die Sprache. „Irgendwann habe ich gemerkt, wenn ich wirklich weiterkommen will, muss ich die Sprache noch besser lernen.“ Also schrieb er jedes neue Wort auf Zettel auf. Zusätzlich lernte er viele Menschen kennen, ob flüchtige Bekanntschaften, ernstere Romanzen oder auch neue Freunde, mit denen er ausschließlich auf Deutsch kommunizierte. Ohne diese neuen Begegnungen und seinen Ehrgeiz, die Sprache zu lernen, wäre der Sprung zum Unternehmer vielleicht nie möglich gewesen.

Gjevdet P. vor einem Neubauprojekt im Porträt. Heute ist er Unternehmer und beschäftigt regelmäßig eigene Mitarbeiter.

Vom Arbeiter zum Unternehmer

Mit den Jahren verändert sich seine Rolle. Aus dem einfachen Arbeiter wird ein Vorarbeiter, später ein Unternehmer.

Gjevdet (49) beginnt eigene Mitarbeiter einzustellen. Zunächst wenige, dann immer mehr. In seiner besten Zeit beschäftigt er 15 feste Leute, dazu kommen je nach Projekt Subunternehmer oder Leiharbeiter. „Manchmal habe ich für ein Projekt 20 oder mehr Männer auf der Baustelle gehabt. Das ist eine riesige Verantwortung.“ Eines seiner größten Projekte sind drei Wohnhäuser in Düsseldorf, je mehrere Stockwerke hoch.

Ein Bagger auf einer von Gjevdets Baustellen. Solche Großprojekte markieren für ihn den Schritt vom Arbeiter zum Bauunternehmer.

Ein Millionenauftrag, ein Meilenstein. „Die Entlohnung lag bei ungefähr einer Million Euro Umsatz. Für mich war das damals ein riesiger Schritt.“ Aber mit der Größe der Aufträge wächst auch der Druck. Rechnungen werden von Beteiligten nicht rechtzeitig bezahlt, Abnahmen verzögern sich, Banken warten mit Überweisungen. „Es gab Momente, da musste ich meine Arbeiter aus eigener Tasche bezahlen, während ich selbst auf Geld wartete. Dann war ich für unbestimmte Zeit im Minusgeschäft. Aber die Leute mussten ihr Geld haben, das war für mich selbstverständlich.“ Diese Haltung kostete ihn Schlaf und Nerven, aber sie brachte ihm auch Respekt. Viele seiner Arbeiter blieben ihm lange Zeit treu, weil sie wussten: Auf Gjevdet ist Verlass. Er selbst zahlte dafür mit einem Leben voller Unsicherheit. „Es gab oft Momente, da wollte ich alles hinschmeißen. Aber dann dachte ich wieder: Du hast Verantwortung, für deine Familie, für deine Arbeiter.“

Die Belastung war nicht nur körperlich, sondern auch seelisch. Wenn Rechnungen nicht bezahlt wurden, wenn Auftraggeber vertrösteten, wenn die Verantwortung für mehrere Familien auf seinen Schultern lastete. „Das ist etwas, was man schwer erklären kann. Angestellte bekommen ihren Lohn am Monatsende. Punkt. Als Selbstständiger weißt du nicht, ob das Geld kommt, wann es kommt und ob es reicht. Anfangs haben manchmal meine Angestellten am Ende mehr Gewinn gemacht als ich selbst.“

Trotzdem hielt er durch. Mehr als einmal stand er an der Schwelle, alles aufzugeben und sich irgendwo fest anstellen zu lassen. Aber er tat es nicht. „Ich bin froh, dass ich durchgehalten habe. Es war hart, oft zu hart, aber am Ende bin ich stolz.“

Obwohl er seit über drei Jahrzehnten in Deutschland lebt, denkt Gjevdet immer wieder zurück an den Kosovo. Die Erinnerungen an Familie, Freunde, Kindheit sie verschwinden nicht. „Man schließt nie damit ab. Auch wenn ich hier längst eine Heimat habe, zieht die erste Heimat immer.“ Er reist regelmäßig dorthin, aber sein Leben ist inzwischen hier. Seine Kinder sind in Deutschland geboren, aufgewachsen, zur Schule gegangen. „Ich wollte, dass sie es besser haben als ich. Dass sie frei sind, ihre Träume zu verfolgen.“ Und dieses Ziel hat er erreicht. Heute sagt er: „Ich bin stolz, dass ich meinen Kindern ein besseres Leben geben konnte. Stolz, dass sie nicht dieselben Ängste und Kämpfe haben mussten.“

Wenn man ihn fragt, was Erfolg für ihn heißt, dann denkt er nicht mehr an Geld oder Statussymbole. „Früher war es das Auto, das Haus. Heute sage ich: Erfolg ist Gesundheit, Frieden im Kopf und Familie.“ Nach mehr als dreißig Jahren in Deutschland hat er begriffen, dass Wohlstand nicht alles ist. Es geht ihm darum, aufrecht durchs Leben zu gehen und ehrlich zu arbeiten. „Viele meinen ich würde meine Kinder zu sehr verwöhnen, aber ich würde ihnen, wenn ich könnte, noch viel mehr geben, denn alles was ich mache, mache ich nur für sie“, schließt Gjevdet zum Ende an.

Valton M. im Porträt. Der ehemalige Bankkaufmann wagte den Sprung in die Selbstständigkeit.

Vom Bankkaufmann in die Selbstständigkeit – Valton M.

Wenn man Valton M. (32) zuhört, klingt seine Geschichte wie ein Gegenentwurf zu der seines Onkels Gjevdet. Während jener sich auf dem Bau durch körperliche Arbeit hochgekämpft hat, ging Valton den Weg über Bildung, Karriere und letztlich den Schritt in die Selbstständigkeit als Berater. Und doch gibt es Parallelen: Beide haben gelernt, dass Erfolg nicht nur über Geld definiert werden kann. Und beide haben erfahren, wie schwer es ist, Verantwortung zu tragen, für sich selbst, für andere und für die eigene Zukunft. Valton kam als Kleinkind nach Deutschland. Seine Erinnerungen an die ersten Jahre sind verschwommen, aber ein Moment hat sich eingebrannt: die Einschulung. „Ich bin drei Wochen zu spät eingeschult worden, weil wir gerade im Kosovo direkt nach dem Kriegsende zu Besuch waren, um nach unserer Familie zu schauen. Alle anderen Kinder hatten ihre Einschulung schon hinter sich. Ich kam einfach rein, ohne Feier, ohne Vorbereitung. Für mich war es das erste Mal, dass ich merkte: Ich bin anders.“ Auch sprachlich hatte er zunächst Rückstände. Er war nur einen einzigen Tag im Kindergarten, bevor er in die Schule kam. Prüfungen bestimmten von da an seinen Weg. „Mein Leben hat mit Tests angefangen, im Grunde schon mit der Flucht. Ich musste mich immer beweisen.“

Der Erste auf dem Gymnasium

Schon früh war klar, dass Valton ehrgeizig ist. Er war der erste in seiner ganzen Familie, der ein Gymnasium besuchte. Das bedeutete Stolz, aber auch Druck. „Meine Eltern konnten mir nicht helfen, wenn ich Fragen hatte. Für sie war alles neu – deutsches Schulsystem, Lehrpläne, Prüfungen. Ich musste meinen Weg alleine gehen.“ Doch gerade dieses Alleingehen machte ihn stark. Trotzdem bestand er das Abitur mit Bestnote. „Ich hatte ein Einser-Abi. Aber anstatt mich darauf auszuruhen, habe ich sofort überlegt: Wie geht es weiter?“ Die Antwort war ein duales Studium bei der Sparkasse Gladbeck. Tagsüber arbeitete er Vollzeit in der Bank, abends und am Wochenende studierte er. „Ich habe drei Jahre keinen richtigen Urlaub gehabt. Meine Urlaubstage habe ich für Prüfungen geopfert.“ In dieser Zeit und vor allem in der darauffolgenden Zeit nach Abschluss des dualen Studiums arbeitete er bis zu 240/250 Stunden im Monat. Er war jung, ehrgeizig und bereit Opfer zu bringen.

Schon früh fiel er positiv auf. „Ich war der Erste, der das duale Studium in der Sparkasse Gladbeck bekommen hat. Der Erste, der direkt einen eigenen Beraterplatz hatte.“ Statt wie andere Auszubildende am Schalter zu bleiben, bekam er einen eigenen Kundenstamm. Später wurde er Leiter des Vertriebsmanagements. Noch in seinen 20ern war er Vorgesetzter von über vierzig Mitarbeitern. „Ich habe Betriebsziele festgelegt, über Preise entschieden, Filialen geplant etc. Ich war Jahrgangsbester Bankkaufmann 2015. Ich habe den Betriebswirt gemacht, weitere Fortbildungen, ich saß im Personalrat und vieles mehr. Es war ein permanentes Vorankommen.“ Doch dieser Erfolg hatte seinen Preis „Selbst wenn ich mal Urlaub hatte, war mein Laptop dabei am Strand. Ich habe meine Zeit mit Lernen und Arbeiten verbracht. Ich war jung und hungrig. Aber irgendwann kommt der Punkt, an dem man merkt: Man gibt zu viel.“ Rückblickend sagt er, dass er über Jahre kaum wirklich frei war. Selbst Geburtstage, Feiertage oder private Momente waren von Gedanken an Zahlen, Mails und Zielvorgaben durchgezogen.

Das Gehalt war beeindruckend: sechsstellige Summen pro Jahr, für einen Mann unter dreißig außergewöhnlich. Aber die Arbeitslast war erdrückend. Nach jedem Urlaub warteten über 1.000 ungelesene E-Mails. Wenn man davon ausgeht, dass jede Mail im Schnitt fünf Minuten Bearbeitung braucht, was auch schon bei manchen Mails unrealistisch ist, ergibt das mehr als 80 Arbeitsstunden. Das nur um den Rückstand aufzuholen. „Das ist unmöglich, man kommt nie wieder hinterher.“

Valton beschreibt seine Beziehung zur Sparkasse wie eine Partnerschaft, die sich erschöpft hat. „Es war wie in einer Beziehung, in der einer nur gibt und der andere nur nimmt. Am Anfang habe ich es geliebt. Aber irgendwann konnte ich es nicht mehr lieben.“ Die Worte eines alten Vorgesetzten hallten in seinem Kopf nach: Love it, change it, leave it. Liebe was du tust. Wenn das nicht geht, ändere etwas. Und wenn es dann immer noch nicht geht – geh. „Genau das habe ich gemacht.“ Er kündigte. Ohne neue Stelle, ohne Sicherheit, ohne Plan B. „Keiner gibt einfach so ein sechsstelliges Gehalt auf. Aber ich habe es getan. Ich habe gesagt: Ich gehe. Ich hatte das Glück, dass meine Frau hinter mir stand. Sie hat gesagt: ‘Mach, was dich glücklich macht, auch wenn wir dafür unser neues Haus verkaufen müssen.‘ Ohne sie wäre dieser Erfolg nicht da.“

Neustart auf eigenen Beinen

Seit 2024 arbeitet Valton selbstständig als Unternehmens- und Finanzberater. Seine Kunden sind handverlesen, keine Massenabfertigung mehr. „Früher hatte ich 800 Kunden. Heute sind es ca. 50. Aber bei diesen 50 bin ich bestens informiert, auch ohne in die Unterlagen zu schauen. Ich kenne ihre Geschichten, ihre Wünsche und ihre Ängste.“

Valton M. in seinem Büroalltag. Der Finanz- und Unternehmensberater arbeitet heute flexibel und eng mit seinen Kunden zusammen.

Sein Alltag sieht heute anders aus. Morgens sieht er seine Frau und seinen Sohn und hat Zeit mit ihnen zusammen zu frühstücken. Danach fängt seine Arbeit an. Er arbeitet immer noch viel – 60 bis 70 Stunden pro Woche, aber flexibel. „Ich kann auch mal einen Nachmittag frei machen. Dafür arbeite ich abends, wenn mein Sohn schläft. Es ist ein anderes Arbeiten.“ Finanziell hat er den Sprung geschafft, weil er vorgesorgt hatte. Schon mit 20 kaufte er seine erste Wohnung, dazu einen Kredit. Heute besitzt er mehrere Immobilien, investiert in Aktien, Fonds und ETFs. „Ich gebe nicht alles aus. Wenn ich 1.000 Euro verdiene, lege ich 500 zurück. Diese Disziplin hat mir geholfen“, betont Valton. Auch in den ersten fünf Monaten seiner Selbstständigkeit, als auf seinem Konto kein Euro ankam, hielt er durch. „Dann kam alles auf einmal. Aber das muss man aushalten können.“

Detailaufnahme von Valtons Händen im Büro: Disziplin und Organisation gehören für Valton zu den Grundlagen seines Erfolgs.

Erfolg neu definiert

Wie sein Onkel hat auch Valton gelernt, Erfolg neu zu definieren. „Früher war Erfolg Geld. Heute ist es Zeit, Gesundheit, Momente mit meinem Sohn, meiner Frau, meinen Eltern, meinen Brüdern und meinem engsten Umfeld. Geld ist die Basis, aber nicht das Ziel.“ Er erinnert sich an einen Moment, der ihn besonders stolz machte: ein junges Paar, das er über Monate begleitet hat, bis sie endlich ein eigenes Haus kaufen konnten. „Als sie in Tränen bei mir standen und Danke sagten…das war für mich mehr wert als ein Millionen-Deal.“

Valton sieht seine Herkunft dabei nicht als Hindernis, sondern als Antrieb. „Ich habe früh gelernt, mich anzupassen, durchzuhalten, kreativ zu sein, auch wenn Ressourcen knapp sind. Das hat mir im Business geholfen.“ Für ihn ist die Selbstständigkeit nicht nur ein Job, sondern eine Entscheidung für ein anderes Leben. Ein Leben mit Risiko, aber auch mit Freiheit.

Steuerberater Christoph S. im Porträt. Er berät zahlreiche Gründer:innen mit Migrationsgeschichte und kennt ihre Chancen und Hürden genau.

„Viele unterschätzen, wie wichtig saubere Buchführung ist“ – Christoph S.

Wenn Christoph S. über Menschen mit Migrationsgeschichte spricht, die den Schritt in die Selbstständigkeit wagen, hört man sofort: Für ihn ist es Alltag. „Relativ häufig“, sagt er, und betont, dass die Erfolgschancen keineswegs schlechter seien als bei deutschen Gründer:innen. Etwa ein Drittel bis die Hälfte seiner Mandanten könne sich dauerhaft am Markt etablieren. Der Drang nach Unabhängigkeit, nach Selbstbestimmung – das sind für ihn treibende Kräfte hinter vielen dieser Geschichten.

Die Wege in die Selbstständigkeit sind oft ähnlich. Lange Zeit dominierten Gastronomie, kleine Läden oder klassische Handwerks- und Dienstleistungsbetriebe wie Friseursalons oder KFZ-Werkstätten. „Das sind Bereiche, in denen der Markteintritt niedrigschwellig ist, in denen man mit persönlichem Einsatz viel erreichen kann“, erklärt Christoph. Doch auch hier hat sich etwas verschoben: Jüngere Gründer:innen zieht es zunehmend in IT, Onlinehandel oder sogar in die Tech-Start-Ups. Das Bild sei heute breiter und professioneller als noch vor zehn Jahren.

Trotzdem: Die Hürden sind hoch. Immer wieder erlebt der Steuerberater, wie seine Mandanten an der Bürokratie verzweifeln. Gewerbeanmeldung, Finanzamt, Krankenkasse: „Das ist alles sehr formalistisch, und wer nicht von klein auf damit zu tun hatte, fühlt sich schnell überfordert.“ Dazu kommen Sprachbarrieren, die in einem hochspezialisierten Feld wie Steuern fatale Missverständnisse nach sich ziehen können. Ein falsch verstandener Paragraph oder ein versäumter Termin beim Finanzamt können für Gründer*innen existenzgefährdend sein. Und auch das Geld bleibt ein Problem: Ohne Sicherheiten oder lange Bonitätshistorie verweigern Banken oft Kredite – selbst dann, wenn die Geschäftsidee überzeugt.

Besonders gefährlich wird es, wenn Gründer*innen ohne Startkapital loslegen wollen. „Ehrlich gesagt: hoch riskant“, warnt Christoph. Denn die ersten Monate werfen selten Gewinn ab. Kommt dann eine Steuernachzahlung oder eine größere Rechnung, kann das Aus sehr schnell besiegelt sein. Wer erfolgreich sein will, müsse von Anfang an auf strenges Finanz- und Liquiditätsmanagement achten. Hier zeigt sich für ihn der entscheidende Unterschied zwischen erfolgreichen Unternehmer*innen und denen, die scheitern: Erstere planen realistisch, holen sich Unterstützung und sind bereit, ihr Konzept anzupassen, wenn es nicht funktioniert. Letztere starten oft „blind“ und verwechseln Umsatz mit Gewinn – ein Fehler, der viele teuer zu stehen kommt. „Manchmal habe ich Mandanten, die mit leuchtenden Augen von ihrer Idee erzählen. Aber wenn ich dann frage, wie sie die ersten drei Monate ohne Einnahmen überstehen wollen, schauen sie mich ratlos an“, fügt Christoph hinzu.

Dass Selbstständigkeit aber funktioniert, zeigen Beispiele aus seiner Kanzlei. Christoph erzählt von einem Mandanten, der vor rund zehn Jahren nach Deutschland kam, ohne Deutschkenntnisse und mit einem kleinen Imbiss begann. Von Anfang an führte er saubere Buchhaltung, bildete Rücklagen und investierte seine Gewinne klug. Heute betreibt er mehrere Restaurants, beschäftigt über 30 Angestellte und ist in seiner Stadt bekannt. „Die Idee war nicht neu, aber die Disziplin und das langfristige Denken waren entscheidend“, sagt Christoph mit spürbarer Anerkennung.

Für die Zukunft wünscht er sich vor allem eins: weniger Hürden. „Die Verwaltungsprozesse müssen einfacher und digitaler werden. Weniger Papier, mehr Transparenz.“ Förderprogramme sollten zugänglicher sein, auch für Menschen ohne perfektes Bankrating. Und Integrationskurse könnten steuerliche und wirtschaftliche Grundlagen stärker einbeziehen, um Gründer*innen besser vorzubereiten.

Ein gutes Viertel seiner Mandanten hat inzwischen einen Migrationshintergrund – Tendenz steigend. Was sie auszeichnet, sind für ihn nicht nur Risikobereitschaft und Fleiß, sondern auch Flexibilität und ein starkes Netzwerk innerhalb der Community. Oft sei es genau dieses Netzwerk, das am Anfang Kunden bringt und Starthilfe leistet. „Viele unterschätzen, wie viel Kraft, Kreativität und Durchhaltevermögen migrantische Gründer mitbringen.“

Von einzelnen Wegen zu einem größeren Bild

Drei Geschichten, drei Biografien und doch lässt sich aus ihnen ein Muster erkennen. Ob auf der Baustelle, in der Bank oder im Steuerkanzlei-Alltag: Selbstständigkeit bedeutet für Menschen mit Migrationshintergrund immer auch ein Stück Selbstbehauptung. Sie beweisen damit nicht nur ihre eigene Stärke, sondern auch, dass Herkunft keine Grenze für Ambition ist. Die Wege unterscheiden sich: Gjevdet, der Jugendliche mit Plastiktüte am Berliner Bahnhof, baute sein Leben mit eigener Kraft und Disziplin auf. Valton, der Erste seiner Familie auf dem Gymnasium, nutzte Bildung, Ehrgeiz und strategisches Denken, um sich ein eigenes berufliches Fundament zu legen. Und auch Christoph, der Berater, blickt objektiv von außen auf viele solcher Geschichten und erkennt Muster: Chancen, Risiken und vor allem Potenzial. Gemeinsam haben sie, dass keiner von ihnen den leichten Weg gegangen ist.

Dabei steht die Selbstständigkeit nicht nur für wirtschaftlichen Erfolg. Sie erzählt auch von Identität. Wer ein eigenes Geschäft aufbaut, schafft sich einen Namen, wortwörtlich. Es ist die Chance, gesehen zu werden. Nicht als Teil einer „Migrantengruppe“, sondern als Unternehmer oder auch Arbeitgeber. In diesem Moment geht es nicht mehr allein um Umsatz oder Kundenzahlen, sondern um Teilhabe. Darin liegt vielleicht die eigentliche Leistung: Den Platz in der Gesellschaft nicht nur einzunehmen, sondern aktiv zu gestalten.

Auch für die deutsche Wirtschaft sind diese Geschichten keine Randnotizen. Studien zeigen seit Jahren, dass Gründungen durch Menschen mit Migrationshintergrund überdurchschnittlich oft in wachsenden Branchen stattfinden. Von Gastronomie bis in die IT-Szene. Sie schaffen Arbeitsplätze, zahlen Steuern, bringen Ideen mit, die ohne ihre Perspektive fehlen würden. Oft füllen sie Lücken, die andere nicht sehen. Doch so inspirierend die Erfolgsgeschichten klingen: Sie entstehen nicht ohne Preis. Sowohl Valton als auch Gjevdet sprechen von Belastung – körperlich, psychisch, finanziell. Sie erzählen von Momenten die hart waren und Mut verlangten, von leeren Konten und großen Zweifeln. Genau hier zeigt sich, warum diese Geschichten mehr sind als Einzelfälle: Sie zeigen, wie viel Widerstandskraft, Durchhaltevermögen und Kreativität in diesen Biografien steckt.

Am Ende bleibt die Erkenntnis: Selbstständigkeit ist kein Ziel, das man einmal erreicht und dann behält. Sie ist ein ständiger Prozess, ein Balanceakt zwischen Risiko und Sicherheit, zwischen Vision und Alltag. Ob Frieden im Kopf, Gesundheit, finanzielle Freiheit oder Zeit mit der Familie – alle Definitionen der Vorteile sind gültig und zeichnen ein Bild davon, dass Erfolg viele Gesichter hat. Diese Gesichter prägen längst das Bild unserer Städte. Sie sind sichtbar in Restaurants, Büros, auf Baustellen und in Start-ups. Sie tragen dazu bei, dass aus Migration mehr wird als Ankunft, nämlich Zukunft.

 

Das Copyright der Bilder liegt bei der Autorin.