Pause mit schlechtem Gewissen – Warum Studierende ihre Freizeit nicht mehr genießen

Die Sonne scheint, der Campus ist voll, und auf der Wiese vor der Mensa sitzen Grüppchen mit Kaffee und Büchern. Was aussieht wie eine entspannte Uni- Atmosphäre, ist oft nur Fassade. Zwischen den Mails an Dozenten, Gruppenarbeiten und ständigen Deadlines bleibt kaum Zeit zum Durchatmen- und wenn, dann oft mit schlechtem Gewissen.

von Milana Labkova

26. Juli 2026

Journalistische und auftragsorientierte Texte

Zwischen Uni-Inhalten und Streaming.

„Mir ist meine Freizeit im Alltag tatsächlich sehr wichtig“

Eine, die gelernt hat, sich bewusst und gezielt Zeit zu nehmen, ist Priscilla Eichie. Die 20-Jährige studiert Kommunikationswissenschaft und Anglophone Studies im vierten Semester. Gerade hat sie ein Seminar beendet, jetzt gönnt sie sich einen kurzen Moment Ruhe. „Eigentlich müsste ich lesen“, sagt sie. „Aber ich weiß: Wenn ich heute nicht kurz runterkomme, bin ich morgen nicht mehr aufnahmefähig.“ Sie wirkt reflektiert und gleichzeitig erschöpft.

Porträt von Priscilla.

Freizeit, sagt sie, sei für sie keine Belohnung, sondern eine Voraussetzung. Doch das habe sie erst mit der Zeit gelernt. „Am Anfang wollte ich alles gleichzeitig schaffen. Heute weiß ich, dass Pausen mich leistungsfähiger machen.“

Feste Routinen hat sie nicht, nur eine eiserne Regel: „Sonntags mache ich nichts für die Uni, weil ich da einen strikten Tagesablauf habe und es einfach nicht mehr reinpasst.“

Im Sommer fällt es ihr, wie den meisten Studierenden, oft schwer, den Fokus beizubehalten. „Wenn das Wetter schön ist, will man raus, aber dann ist da trotzdem dieses schlechte Gewissen.“ Jedoch hat sie gelernt, bewusst „Nein“ zu sagen – zu Aufgaben, die warten können und zu einem ständigen Verfügbarsein für die Uni.

„Burnout ist kein Punkt – es ist ein Zustand, den man lange mitträgt“

Anders klingt es bei Kanu Shenoi. Wo Priscilla Zeit für Erholung gefunden hat, reiht sich bei ihm Verpflichtung an Verpflichtung. Der 28-Jährige studiert Englisch und Germanistik auf Lehramt im Master. Nebenbei arbeitet er in drei Jobs: im Restaurant, als Tutor und als Sprachdozent. „Ich wünschte, ich könnte sagen, ich hätte Freizeit“, erzählt er. „Aber selbst wenn ich mal zu Hause sitze, ist da diese Stimme im Kopf, die sagt: Du solltest etwas für die Uni tun“.

Porträt von Kanu.

Er spricht von einem permanenten Grundstress. „Ich kann nicht mehr sagen, wann ich das letzte Mal wirklich frei hatte. Nicht nur im Kalender, sondern auch im Kopf“. Für ihn ist Burnout kein medizinischer Begriff, sondern ein Gefühl: „Du machst einfach weiter, obwohl du nicht mehr kannst. Und wenn du Freizeit hast, bist du zu müde, um diese zu nutzen.“

Besonders frustrierend sei, dass Hobbys selbst zur Belastung werden können. „Ich würde gerne wieder zeichnen. Aber selbst meine Hobbys fühlen sich wie eine weitere Aufgabe an.“

Zahlen, die diesen Trend bestätigen

Laut der 21. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks (2022) sind 63 Prozent aller Studierenden neben dem Studium erwerbstätig – im Schnitt etwa 15 Stunden pro Woche. Bei vielen kommen unbezahlte Praktika oder ehrenamtliche Verpflichtungen hinzu, wodurch die Zeit für echte Erholung weiter schrumpft.

Die Studierenden-Gesundheitsstudie des DZHW in Kooperation mit der Techniker Krankenkasse zeigt: 25 Prozent der Studierenden berichten von hohem Stresserleben, weitere 24,4 Prozent von starker Erschöpfung.

Auch psychische Belastungen nehmen zu: Der Barmer Arztreport 2018 ermittelte, dass 17 Prozent der Studierenden – rund 470.000 Personen – eine psychische Diagnose wie Depression oder Angststörung haben. Der TK-Gesundheitsreport 2023 weist zudem aus, dass sich 37 Prozent stark emotional erschöpft fühlen – ein Warnsignal für ein erhöhtes Burnout-Risiko.

Die Lüge der Regelstudienzeit

Besonders deutlich wird die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit beim Blick auf die Regelstudienzeit. „Die Regelstudienzeit ist die größte Lüge überhaupt“, sagt Kanu. „Die gehen davon aus, dass du kein Leben hast.“ Mit 12–14 Stundenschichten am Wochenende und Uni unter der Woche bleibe kaum Raum für Erholung. „Du studierst dich kaputt!“.

Professor Dr. Hannes Krämer, Lehrender an der Universität Duisburg-Essen, kennt diese Dynamik. „Studierende sind heute stark beansprucht – nicht nur akademisch, sondern auch im Alltag.“ Viele würden neben dem Studium arbeiten, Angehörige unterstützen oder sich vollständig selbst finanzieren.

Porträt von Prof. Dr. Hannes Krämer.

„Wenn jemand regelmäßig arbeitet, vielleicht sogar pflegt und unterstützt, dann bleibt kaum Raum für echte Freizeit“, sagt Krämer. Unter diesen Bedingungen sei es schlicht nicht realistisch, zusätzlich noch eigene Erholungszeiten einzuplanen.

Für viele bedeutet Freizeit daher nicht nur Entspannung, sondern Abwägung: Was kann ich mir gerade leisten? Was bleibt liegen?

Er sieht den Ursprung auch in gesellschaftlichen Erwartungen: „Disziplin ist mir zu durchbeißerisch, zu preußisch. Stattdessen sollten Studierende lernen, sinnvoll zu planen – angepasst an ihr eigenes Leben.“

Durchhalten ist kein Zeitmanagement

Doch selbst, wenn die Rahmenbedingungen feststehen; wie man mit ihnen umgeht, unterscheidet sich deutlich. „Ich habe keine wirkliche Routine“, sagt Priscilla. „Vielleicht wäre das mal gut, aber das habe ich tatsächlich nicht.“ Ihr Alltag ist oft spontan, geprägt von Deadlines und ständigen Entscheidungen.

Kanu plant dagegen streng. „Ich erledige alles von Montag bis Freitag, weil ich eben am Wochenende im Restaurant bin – und da weiß ich nie, wie lange ich dort bleiben werde.“ Nach der Uni bleibt er auch noch meistens länger auf dem Campus, um seine Aufgaben zu erledigen, da er sich dort besser konzentrieren kann als zuhause. Freizeit bleibt, wenn überhaupt, kurz und unverbindlich. „Du weißt nie, wie viel du leisten musst – also erledigst du einfach alles, sobald es geht.“

Kanu beim Arbeiten im Restaurant.

Er hat das Gefühl, er ist nie wirklich frei. „Du machst eine Aufgabe fertig und bekommst zwei neue dazu. Du kriegst nie Ruhe.“ Er hat das Gefühl, wenn er sich eine Pause gönnt, schadet er seinem Zukunfts-Ich.

Ein Satz, den viele andere auch unterschreiben würden. Denn, obwohl das Semester offiziell 15 Wochen dauert, endet es danach nicht. Die Liste an Aufgaben und Abgaben scheint unendlich.

Beide eint der Wunsch nach echten Pausen – jenseits von Produktivität. „Wenn ich Freizeit habe, dann nehme ich mir einfach Zeit für mich“, sagt Priscilla. „Dann gucke ich Serien, bin am Handy, schlafe oder gehe einfach mal spazieren und danach kann ich weitermachen.“

Priscilla beim Entspannen und Serienschauen.

Dauerstress und seine Folgen

Was das auf Dauer bedeutet, spüren Priscilla und Kanu körperlich und mental. „Ich war nach der Klausurphase einfach erschöpft“, erinnert sich Kanu. „Ich dachte, jetzt habe ich Freizeit, kann meine Hobbys machen. Aber ich hatte keine Kraft.“

Du hältst nur durch, indem du dir einredest: „Ich muss nur diese Woche noch schaffen. Und dann die nächste. Und wieder die nächste“ – „Du machst einfach weiter, obwohl du nicht mehr kannst.“

Pausenillusion – wenn Freizeit keine ist

Was viele Studierende als Pause bezeichnen, ist oft nur ein Ortswechsel mit angezogener Handbremse. Kanu beschreibt es klar: „Selbst wenn man Freizeit hat und wenn man nichts zu tun hat, da sind immer diese Gedanken, wo man sich vorstellt: Ja, ich könnte jetzt was Produktives machen, ich könnte was für die Uni machen, ich könnte was lesen… und man hat dann wirklich nie seine Ruhe.“

Diese ständige Präsenz von Uni-Aufgaben im Kopf verhindert, dass Erholung wirklich stattfindet. Pausen werden zur Planungsschleife, in der die nächste Abgabe oder Lektüre schon mitläuft. Auch Priscilla kennt das Gefühl, nicht wirklich abschalten zu können: „Im Sommersemester habe ich überhaupt keine Motivation, irgendwas für die Uni zu machen. Aber man muss ja irgendwo eine gesunde Balance finden.“

Studien bestätigen diesen Trend. Laut der Studierenden-Gesundheitsbefragung des DZHW in Kooperation mit der Techniker Krankenkasse (2023) berichten 37 Prozent der Studierenden von starker emotionaler Erschöpfung, 29 Prozent leiden häufig unter Schlafproblemen, und knapp ein Viertel fühlt sich dauerhaft gestresst. Auch die 21. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks (2022) weist darauf hin, dass sich viele durch die ständige Erreichbarkeit über Plattformen wie Moodle, E-Mail oder Gruppenchat unter permanentem Leistungsdruck fühlen. „Viele sind gedanklich nie wirklich offline“, erklärt Professor Krämer. „Da hilft nur, klare Grenzen zu setzen – und diese dann konsequent einzuhalten.“

Zwischen individueller Belastung und kollektiver Erfahrung

Doch nicht alle Belastungen entstehen im stillen Kämmerlein. Vieles, was Studierende als Druck empfinden, ist auch ein Resultat gesellschaftlicher und sozialer Dynamiken. Der ständige Vergleich, das Gefühl, allein überfordert zu sein, und der Rückzug aus dem gemeinsamen Unialltag – all das verstärkt den Eindruck, mit den eigenen Herausforderungen isoliert zu sein. Dabei könnte genau das Gegenteil helfen: mehr Gemeinschaft, mehr Austausch, mehr ehrliche Gespräche.

Gemeinschaft statt Vergleich

Der soziale Aspekt des Studiums könnte entlasten – oft passiert das Gegenteil. „Die Verbindung zur Hochschule schwindet. Auch die Verbindung zur Studierendenschaft“, sagt Krämer. „Die Solidarität ist nicht die mit den Mitstudierenden. Die Solidarität ist die mit ihren Freunden.“

Dieses Verschieben der sozialen Basis hat Folgen. Während früher Seminare und Pausen Gelegenheiten zum Austausch boten, sind heute viele Studierende nach der Vorlesung direkt wieder weg – zur Arbeit, nach Hause oder in ihren festen Freundeskreis. Der Uni-Campus wird so nicht mehr als Ort der Gemeinschaft erlebt, sondern als funktionaler Durchgangsort.

Priscilla erlebt die Uni deshalb oft als Insel im Tagesablauf. „Wenn ich weiß, heute müssen die Aufgaben gemacht werden, dann mache ich die auch wirklich. Und bis ich die nicht erledigt habe, mache ich nichts anderes.“ Solche Selbstdisziplin kann zwar helfen, den Überblick zu behalten – sie reduziert aber auch den Raum für spontane Begegnungen, die Entlastung bringen könnten.

Forschung zeigt, dass Studierende, die regelmäßig mit Kommiliton*innen lernen oder in Fachinitiativen aktiv sind, langfristig weniger erschöpft sind und eine höhere Motivation berichten. Eine Studie im European Journal of Psychology of Education belegt, dass Peer-Unterstützung – ob formal in Lerngruppen oder informell in Pausen – das Selbstmanagement stärkt, bei der Planung hilft und Lernstress reduziert. Durch den Austausch können Studierende Leistungsdruck besser verarbeiten, ihr Vorgehen reflektieren und ihr Wohlbefinden steigern. Soziale Interaktion wirkt damit nicht nur als „Zeitvertreib“, sondern als wichtige Ressource gegen Erschöpfung und Überlastung.

Krämer fasst es so: „Suchen Sie den Spaß hier – und nicht woanders.“ Wer die Uni nicht nur als Ort von Prüfungen, sondern auch von Beziehungen erlebt, kann sich eher erlauben, Pausen nicht als verlorene Zeit zu sehen.

Widerstand in kleinen Gesten

Trotz aller Belastungen gelingt es manchen Studierenden, sich kleine Freiräume zu schaffen – auch wenn sie unspektakulär wirken. Priscilla erzählt: „Manchmal entscheide ich mich bewusst dafür, Dinge auch mal nicht zu machen – also Aufgaben, die ich eigentlich geplant hatte.“ Für sie bedeutet das nicht Nachlässigkeit, sondern Selbstschutz. Kanu hingegen beschreibt: „Ich bleibe manchmal nach der Arbeit noch eine Stunde mit den Kollegen sitzen. Das ist kein Luxus, aber nötig, um den Kopf freizubekommen.“ Solche Momente sind selten, aber wichtig – sie zeigen, dass Widerstand gegen den ständigen Druck nicht immer groß sein muss. Manchmal reicht ein Feierabendbier, ein Gespräch oder einfach das bewusste Auslassen einer Aufgabe, um nicht ganz im Stress zu verschwinden.

Drei Ratschläge gegen Dauerstress

Was kann helfen? Professor Krämer nennt drei praktische Empfehlungen, die helfen können, Studium und Freizeit gesünder zu gestalten:

  1. Planung statt Hetze.

„Wenn Sie wissen, dass Sie Dienstagabend lieber mit Ihren Freunden essen gehen, dann planen Sie keine schweren Texte direkt davor.“

  1. Den Ort positiv besetzen.

„Sie verbringen so viel Lebenszeit an der Uni. Finden Sie auch hier etwas, das Ihnen Freude macht – durch Themen, durch Menschen, durch Inhalte.“

  1. Lockern, nicht verkrampfen.

„Viele machen sich gerade in den ersten Semestern unnötig verrückt. Aber: Es muss nicht alles in der Regelstudienzeit passieren.“

Sein Appell: „Planen Sie das Studium so, wie es zu Ihrem Leben passt. Und nicht andersherum.“

Prof. Dr. Krämer am Schreibtisch.

Pausen richtig nutzen – was Studien wirklich zeigen

Pausen sind kein Luxus – das belegen verschiedene Untersuchungen eindeutig. Laut Deutschlandfunk Nova fördern konsequente Arbeitspausen und kleine Belohnungen den Stressabbau und steigern die Motivation. Die Psychotherapeutin Lena Fiebig rät in einem Interview: „Jede halbe Stunde fünf Minuten Pause machen. Aber diese 25 Minuten, die nehme ich mir wirklich und arbeite intensiv“.

Auch arbeitswissenschaftliche und arbeitsmedizinische Untersuchungen zeigen, dass solche kurzen Pausen effizient sind: Sie reduzieren Erschöpfung, verringern Stresspegel und verbessern die Leistungsfähigkeit bereits nach wenigen Minuten. Eine Untersuchung der Erholungsforschung zeigt zudem, dass sozial verbrachte Pausen besonders wirksam sind: Rund 50 % der Erholungsprozesse fanden im sozialen Kontext statt, und 77 % der als entlastend empfundenen Pausenaktivitäten erfolgten gemeinsam – etwa beim Essen oder Spazierengehen.

Gut geplante Pausen wirken somit sowohl kognitiv als auch emotional stabilisierend, besonders wenn sie bewusst, sozial und regelmäßig eingesetzt werden.

Pausen sind keine Schwäche

Am Ende bleibt die Erkenntnis: Freizeit im Studium ist mehr als leere Zeit. Sie zeigt, wie Gesellschaft mit Druck, Selbstoptimierung und psychischer Gesundheit umgeht. Die Gespräche mit Priscilla, Kanu und Professor Krämer machen deutlich: Echte Pausen sind kein Luxus, sondern Voraussetzung für Leistungsfähigkeit und Wohlbefinden.

Wer sie ignoriert, riskiert, dass der Körper sie irgendwann erzwingt. Denn echte Erholung beginnt nicht erst dann, wenn alles erledigt ist, sondern dann, wenn wir aufhören, sie uns erst verdienen zu müssen.

Untersuchungen belegen, dass selbst kurze, bewusst genutzte Pausen die Konzentration und das emotionale Gleichgewicht deutlich verbessern – besonders dann, wenn sie in Gesellschaft stattfinden. Ob ein Kaffee mit Kommilitonen oder ein kurzer Spaziergang: Solche Momente wirken wie ein Gegengewicht zum Dauerstress und helfen, langfristig gesund zu bleiben. Das Studium darf nicht nur ein Wettlauf gegen Deadlines sein – sondern sollte auch Raum für Begegnungen, Entspannung und eigenes Tempo lassen.

 

Das Copyright der Bilder liegt bei der Autorin.