Milram – Alles Käse, oder was?
Muss Käse politisch sein? Warum steht Diversität plötzlich auf einer Käsepackung? Und wer steckt eigentlich hinter der „Bedrohung“ aus dem Kühlregal?
Anfang August 2025 bringt die niedersächsische Molkereigenossenschaft DMK (Deutsches Milchkontor GmbH) unter der Hauptmarke Milram SB-Scheibenkäsesorten in optisch umgestalteter Verpackung auf den Markt. Statt der üblichen, schlicht-maritimen Verpackung zieren nun bunte Grafiken die Produkte.
von Luke Krieg und Patrice Tshilombo
27. September 2026
Journalistische und auftragsorientierte Texte
Alle Designs
Eigentlich eine zunächst unscheinbare Veränderung im Kühlregal, möchte man meinen – schließlich handelt es sich um ein Lebensmittel, das viele Konsument*innen sich einfach nur auf‘s Brot legen und genießen.
Doch was als moderne Marketingkampagne und Ausdruck von Gemeinschaft gedacht ist, gefällt längst nicht allen. Manch einer will in der limitierten Design-Edition eine skandalöse Provokation erkennen. Statt Käse-Vielfalt sehen sie „bunten Vielfaltwahn“. Weitere Kommentare sprechen von einer „woken Design-Edition“ oder sogar von „Umvolkungsideologien“. Die reaktionäre Empörung sorgt dafür, den Hashtag #MilramBoykott beim Kurznachrichtendienst X (ehemals Twitter) in die Trends zu spülen.
Milram Design Editionen
Die von den drei jungen Künstler*innen aus Hamburg, Berlin und Köln entworfenen Designs sind bunt, modern, fallen sofort ins Auge und sollen Lebensfreude ausdrücken. Sie bilden mit den dort gezeigten Menschen verschiedener Hautfarben die alltägliche Lebenswirklichkeit und Vielfalt der heutigen Gesellschaft ab. „Dass Menschen unterschiedlicher Hautfarbe die Normalität darstellen, dazu reicht ein Blick in die Werkhallen der DMK, in ein Wartezimmer einer Arztpraxis oder auch auf die Fußball-Nationalmannschaft – also eigentlich nichts Besonderes“, erklärt DMK-Sprecher Oliver Bartelt auf Anfrage.
Hinter den Designs
Danii Pollehn
Josephine Rais
Moritz Adam Schmitt
Nicht mehr und nicht weniger, so sollte man meinen. So lautet sinngemäß auch das Statement des Unternehmens DMK im August zu dieser zeitlich begrenzten Werbekampagne, die frischen Wind ins Kühlregal bringen und junge Konsument*innen als Zielgruppe ansprechen soll. „Wir greifen einen Zeitgeist auf, aber bewusst nicht in politischer Form“, so Bartelt auf Anfrage von buten un binnen (Regional- und Lokalmagazin für die Freie Hansestadt Bremen).
Oliver Bartelt
Dass durch diese Werbekampagne ein regelrechter Shitstorm in Social Media ausgelöst wurde, zeigt, wie stark Alltagsgegenstände inzwischen zu Projektionsflächen gesellschaftlicher Diskussionen bis hin zu Hetze geworden sind. Bartelt teilt schriftlich mit, dass offensichtlich rechte Kreise so getriggert wurden, dass darüber fast ausschließlich auf X in der entsprechenden Bubble heiß debattiert wurde. DMK als Genossenschaft mit klaren Werten und einer der eigenen Belegschaft entsprechenden Weltoffenheit sowie einem schon in der DNA der Genossenschaft liegenden Demokratieverständnis hat über die absurde Debatte auf X ihr Unverständnis entsprechend geäußert. „Haltung ist kein ‚One-Hit-Wonder‘ – wir haben ja keine ‚Haltungs-Edition‘ aufgelegt, sondern mit Haltung auf die irrsinnig konstruierte Debatte reagiert.“
Bei buten un binnen pflichtet der DMK-Sprecher bei: „Dass die Debatte im Netz an Absurdität kaum noch zu toppen ist, ist offenkundig. Wer erwartet, dass auf einer solchen Käseverpackung drei helle Gesichter glänzen, hat eine verquere Wahrnehmung“, ergänzt er.
Multikulturalität als Bedrohung der „deutschen“ Kultur, Identität und Gesellschaft, vom Kühlregal in den heimischen Kühlschrank? Da verwundert es nicht, dass insbesondere Anhänger bzw. Mitglieder rechter Kreise einen Kulturkampf heraufbeschwören, um eine Grundsatzdiskussion über gesellschaftliche Werte auszulösen. Dem Overton Window wird ordentlich eingeheizt, während eine Vielfalt aus Brandbeschleunigern nur auf die nächste Nebelkerze wartet.
„Nö danke, Milram. Ich kaufe euren Käse gerne wieder, sobald ihr wieder klar kommt“, schrieb Vanessa Behrendt, AfD-Landtagsabgeordnete in Niedersachsen, auf X. Nur eins von vielen Beispielen des krampfhaften Versuchs, damit den berühmten künstlichen Sturm im Wasserglas zu erzeugen.
„Aber am Ende können wir feststellen, dass diese absurde Debatte keinen negativen Einfluss auf den Absatz hatte, sondern eher fast 1 Mio. Käufer*innen als neue Zielgruppe über den Zeitraum erschlossen werden konnten“, so Bartelt auf Anfrage. Allen Stürmen zum Trotz, eine Änderung der Werbekampagne hat es nicht gegeben und der Hashtag #MilramBoykott bleibt analog zur Fraktion der Empörten ebenso substanzlos. Unterm Strich – Wieder eine weitere Folge von „Das Empörium schlägt zurück“, nur eben wieder dahin, wo nichts ist.
Ergo, viel Wind, nichts dahinter oder eben „alles Käse“.
Luke Krieg (Autor)
Patrice Tshilombo (Autor)
Das Copyright der Bilder liegt bei den Autoren.